Grundlagen
Was eine PV-Simulation wirklich rechnet
Zwischen der Sonne über dem Dach und der Kilowattstunde im Zähler liegen sechs Modelle. Jedes davon nimmt etwas weg, jedes hat seine eigene Unsicherheit — und genau ihre Aufteilung ist die eigentliche Aussage einer Simulation.
- Stand
- Lesezeit
- 9 Minuten
- Redaktion
- Redaktion PV-Pro, Vigorek GmbH
- Quellen geprüft
Das Wichtigste
- Von der Einstrahlung in Modulebene bleiben im nachgerechneten Beispiel 78,8 Prozent als Wechselstrom übrig — das ist das Performance Ratio.
- Die Verlustglieder multiplizieren sich. Wer sie addiert, rechnet die Anlage systematisch zu schlecht.
- Nahverschattung steckt in keiner Standard-Ertragsdatenbank: Der Horizont dort stammt aus einem Geländemodell, in dem kein Kamin vorkommt.
Sechs Modelle, eine Zahl
„Die Anlage bringt 11'000 Kilowattstunden“ klingt nach einer Messung. Es ist das Ende einer Rechenkette, in der jedes Glied ein eigenes Modell mit eigenen Annahmen ist:
- Einstrahlung auf die Horizontale. Aus Satellitenbildern oder aus einer Reanalyse: wie viel Energie je Quadratmeter am Standort ankommt.
- Umrechnung auf die geneigte Fläche. Die Transposition zerlegt die Strahlung in direkt, diffus und bodenreflektiert und rechnet jeden Anteil auf Neigung und Ausrichtung des Dachs um.
- Verschattung. Horizont aus der Landschaft, Objekte aus der Nachbarschaft, Reihenverschattung auf dem eigenen Feld.
- Modulverhalten. Reflexion bei flachem Einfallswinkel, spektrale Wirkung, Temperaturgang und Schwachlichtverhalten.
- Elektrik. Verschaltung der Strings, Arbeitspunktnachführung des Wechselrichters, Wandlungsverluste, Kabel.
- Betrieb. Verschmutzung, Schnee, Alterung, Verfügbarkeit.
Eine Simulation ist nicht genauer als ihr schwächstes Glied — und das ist selten die Wetterdatenbank.
Das nachgerechnete Beispiel
Damit die folgenden Prozentzahlen überprüfbar sind, stammen sie aus einem einzigen, offenen Abruf: 10 Kilowatt-Peak in Zürich, 30 Grad Neigung, Südausrichtung, 14 Prozent Systemverluste. Der Abruf lässt sich unverändert wiederholen.
https://re.jrc.ec.europa.eu/api/v5_3/PVcalc
?lat=47.3769&lon=8.5417 # Zürich, 416 m ü. M.
&peakpower=10 # kWp
&angle=30&aspect=0 # 30° Neigung, Süd
&loss=14 # Systemverluste in Prozent
&outputformat=json
- Systemverluste
- 14%
- Jahr-zu-Jahr-Streuung
- ±5,1%
Vorgabewert von PVGIS für Kabel, Wechselrichter, Verschmutzung und Alterung; vom Anwender änderbar (PVGIS-Handbuch)
Standardabweichung 586 kWh über die Jahre 2005–2023 desselben Abrufs
Wo die Prozente bleiben
PVGIS weist die Glieder der Kette einzeln aus. Genau das macht eine Simulation prüfbar: nicht die Endzahl, sondern ihre Zerlegung.
| Glied | Wirkung | Faktor |
|---|---|---|
| Einstrahlung in Modulebene | 1'452,78 kWh/m² im Jahr | Ausgangspunkt |
| Einfallswinkel (Reflexion am Glas) | −2,92 % | 0,971 |
| Spektrum (kristallines Silizium) | +1,44 % | 1,014 |
| Temperatur und Schwachlicht | −6,97 % | 0,930 |
| Systemverluste (Annahme) | −14,00 % | 0,860 |
| Ergebnis | 11'446 kWh im Jahr | 0,788 |
Alle Werte aus demselben Abruf, PVGIS 5.3, abgerufen am 9. August 2026.
Der Punkt an dieser Tabelle ist die letzte Spalte. Die Faktoren multiplizieren sich: 0,971 × 1,014 × 0,930 × 0,860 = 0,788. Wer stattdessen die Prozente addiert, kommt auf 22,5 statt 21,2 Prozent Verlust und rechnet die Anlage um gut ein Prozent zu schlecht. Bei einer Wirtschaftlichkeitsrechnung über 25 Jahre ist das kein Rundungsfehler mehr.
Bemerkenswert ist auch das Vorzeichen in Zeile drei: Der Spektralanteil ist positiv. Das Sonnenspektrum weicht im Jahresmittel so von der Normbedingung ab, dass kristallines Silizium leicht profitiert. Eine Simulation, die nur Abzüge kennt, hat dieses Glied nicht.
Zwei Sorten Wetterdaten
Die Zahlen oben stammen aus PVGIS-SARAH3: Einstrahlung, abgeleitet aus Bildern geostationärer Wettersatelliten. Temperatur und Wind kommen aus ERA5, einer Reanalyse — einem Modell, das vergangenes Wetter aus Messungen rekonstruiert. Der Unterschied ist für die Beurteilung wichtig:
- Satellitendaten haben eine feine räumliche Auflösung und bilden lokale Bewölkung gut ab. Sie liefern einen Momentanwert zum Aufnahmezeitpunkt, nicht den Mittelwert der Stunde.
- Reanalysen liefern durchgehende Stundenmittel für alle Grössen, sind räumlich aber gröber. In zerschnittenem Gelände — also in weiten Teilen der Schweiz — ist das eine echte Einschränkung.
Für eine einzelne Anlage zählt darüber hinaus der Zeitraum. Der hier verwendete Abruf mittelt über 19 Jahre und weist eine Standardabweichung von 586 Kilowattstunden aus — rund fünf Prozent. Ein einzelnes Jahr kann also gut 1'000 Kilowattstunden über oder unter dem Mittel liegen, ohne dass mit der Anlage etwas nicht stimmt.
Ein „typisches meteorologisches Jahr“ ist aus den typischsten Monaten mehrerer Jahre zusammengesetzt. Es eignet sich für Vergleiche zwischen Varianten und ist ungeeignet, um daraus eine Zusage für ein bestimmtes Kalenderjahr abzuleiten.
Was in keiner dieser Zahlen steckt
Der Abruf oben verwendet den eingebauten Horizont. Dieser Horizont stammt aus einem digitalen Geländemodell; das Handbuch beschreibt ihn als Abschattung durch nahe Hügel und Berge (PVGIS-Handbuch, Abschnitt 2). In einem Geländemodell stehen keine Kamine, keine Gauben, keine Nachbargiebel und keine Bäume.
Das ist die grösste Lücke zwischen einem Standortertrag und einem Anlagenertrag — und sie geht immer in dieselbe Richtung: nach unten. Wie stark, entscheidet nicht die Schattenfläche, sondern die Verschaltung; das ist der Gegenstand des Beitrags zur Verschattungsanalyse.
Fünf Fragen an jede Simulation
Ob ein Ergebnis belastbar ist, lässt sich ohne Nachrechnen prüfen — an dem, was der Bericht über sich selbst preisgibt:
- Welcher Datensatz, welcher Zeitraum? „PVGIS“ oder „Meteonorm“ allein ist keine Angabe. Datensatz und Jahre gehören dazu.
- Ist die Verlustkette aufgeschlüsselt? Eine Endzahl ohne Zerlegung lässt sich nicht prüfen und nicht verbessern.
- Wie wurde die Verschattung bestimmt? Aus einem 3D-Modell mit Umgebung, aus einer Horizontlinie oder gar nicht?
- Steht eine Bandbreite dabei? Ein Ergebnis ohne Streuung behauptet eine Sicherheit, die es nicht gibt.
- Ist das Performance Ratio plausibel? Für eine gut belüftete Aufdachanlage liegen Werte um 0,8 im erwartbaren Bereich. Deutlich darüber heisst meist: ein Verlustglied fehlt.
Was PV-Pro an dieser Stelle tut
PV-Pro verwendet PVGIS-Zeitreihen als Standortgrundlage und rechnet die Verschattung anschliessend am dreidimensionalen Modell des konkreten Gebäudes samt Umgebung — Modul für Modul über den Jahresgang. Die getrennte Behandlung von direktem, diffusem und bodenreflektiertem Anteil folgt derselben Zerlegung wie oben. Angezeigt werden Jahresertrag, spezifischer Ertrag, Performance Ratio, Volllaststunden und das DC/AC-Verhältnis.
Was dabei herauskommt, ist ein Szenario aus dokumentierten Annahmen — kein Messwert und keine Zusage. Welche Eingaben dahinterstehen und wie sie geprüft werden, steht in der Methodik.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen spezifischem Ertrag und Performance Ratio?
Der spezifische Ertrag in Kilowattstunden je Kilowatt-Peak misst, wie viel eine Anlage an ihrem Standort liefert — er steigt mit der Sonneneinstrahlung und sagt deshalb wenig über die Qualität der Anlage. Das Performance Ratio setzt den Ertrag ins Verhältnis zu dem, was bei der tatsächlich eingestrahlten Energie theoretisch möglich wäre. Es ist damit standortunabhängig und vergleichbar.
Warum weichen zwei Programme bei denselben Eingaben voneinander ab?
Weil sie unterschiedliche Wetterdatensätze, Transpositionsmodelle, Temperaturmodelle und Standardannahmen für Systemverluste verwenden. Ein Vergleich ist nur aussagekräftig, wenn Datensatz, Zeitraum, Verlustannahmen und Verschattungsmodell offengelegt und gleichgesetzt sind. Ohne diese Angaben vergleicht man Voreinstellungen, nicht Programme.
Wie genau ist eine Ertragsprognose überhaupt?
Die Unsicherheit setzt sich aus mehreren Anteilen zusammen: der Strahlungsdatenbank, dem Jahr-zu-Jahr-Wetter, dem Modul- und Systemmodell und der Qualität der Verschattungsgeometrie. Der Wetteranteil allein liegt im Beispiel oben bei rund fünf Prozent Standardabweichung. Eine seriöse Prognose nennt deshalb eine Bandbreite und keinen Punktwert.
Braucht es für ein Kundenangebot eine Stundenzeitreihe?
Für die reine Ertragsaussage genügen Monatswerte. Sobald Eigenverbrauch, Speicher, Wärmepumpe oder Ladestation im Spiel sind, nicht mehr: Diese Fragen entscheiden sich daran, ob Erzeugung und Verbrauch zur selben Stunde anfallen. Eine Jahresbilanz kann das prinzipiell nicht beantworten.
Quellen
- PVGIS — Photovoltaic Geographical Information System, Europäische Kommission (JRC) — Fassung 5.3, Strahlungsdatensatz PVGIS-SARAH3, Wetter ERA5, Zeitraum 2005–2023; abgerufen am 9.8.2026
- PVGIS — Benutzerhandbuch (JRC) — Vorgabewert 14 % Systemverluste; Horizont beschreibt Abschattung durch nahe Hügel und Berge; abgerufen am 9.8.2026
- Swissolar — Photovoltaik: Technologie und Grundlagen — Branchenverband Schweiz, Grundlagen zur Technologie
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Redaktion und Pflege
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- Redaktion PV-Pro, Vigorek GmbH
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- Methodik
- So entstehen die Rechenbeispiele
- Rückmeldung
- info@vigosky.com
- Beitrag angelegt, Verlustkette und Streuung aus einem offen dokumentierten PVGIS-Abruf belegt.